Blog der Dreikönigsaktion

Sonne bleicht Haut!

Ein paar Tage in Rio und eine Theorie drängt sich auf: Vermehrte Sonneneinwirkung auf der Haut führt nicht wie bisher angenommen zur Bräunung. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Starkes Aussetzen direkter Sonne führt zur Erbleichung. Wie kommt man auf so eine abstruse These?

Das Rezept ist ganz einfach, man besucht ein Jugendgefängnis in Rio de Janeiro mit einem Projektpartner der Dreikönigsaktion, verteilt dort Eis an alle über 300 Insassen (obwohl die Einrichtung für rund 80 Personen konzipiert ist), bekommt somit alle zu Gesicht. Beim Verteilen sieht man mit eigenen Augen, dass die Zellen massiv überbelegt sind – ca. 10 Kids auf 10m². Der Geruch erinnert eher an einen Stall, weil sich die Sanitäranlagen in der Zelle befinden. Das ist auch die Art und Weise wie die strafffälligen Jugendlichen – viele von ihnen werden wegen kleiner Drogendelikte wir Marihuana rauchen weggesperrt (natürlich gibt es auch viele, die bereits in ganz jungen Jahren schwere Delikte begangen haben) – gehalten werden.

Resozialisierung? Ein Jugendlicher erzählt meiner Kollegin, die ihn darauf anspricht, dass er nicht bei dem gemeinsamen Lied mitsingt, er könne nicht lesen, weil er nie – und jetzt kommt’s  – „in die Schule geholt“ wird. Das heißt, er ist und bleibt Analphabet und hat schlicht und einfach nicht die geringste Chance aus der Scheiße rauszukommen. Punkt.

Aber das faszinierendste an der ganzen Szenerie Jugendgefängnis ist, dass alle Insassen, die gesiebte Gefängnisluft atmen, ausnahmslos schwarz waren.

Szenenwechsel: Copacabana. Für die ORF-Doku über die Projekte der Dreikönigsaktion (Sendetermin: 1.1.2016/17.05 ORF2 – eh schon wissen) brauchen wir ein paar „Symbolbilder“ von Rio. Was liegt näher als der berühmteste Strand der Welt?

Und siehe da: Der Großteil der Menschen, die sich hier vor einer Traumkulisse in der Sonne rekeln sind weiß. Um nicht Alle zu sagen: es gibt auch hier natürlich Menschen mit dunkler Hautfarbe, ein ganz kleiner Teil von ihnen sogar unterm Sonnenschirm. Der Großteil der farbigen Menschen an der Copacabana…….verkauft Sonnenbrillen, schlägt Kokosnüsse auf, oder sammelt Müll……

Also entweder stimmt die These „Sonne bleicht Haut“ oder es handelt sich um Rassismus.

christian.herret@dka.at, derzeit in Brasilien

Weiß wie Wir

 

Weiß wie Wir

Auf dem Nebentisch, sitzt ein Mann. Alleine. Trotzdem spricht er laut. Seltsamer Typ, denk ich. Aber sonst keine Beachtung. Beim Verlassen des Lokals erklärt mir mein Begleiter, dass er sich über das T-Shirt einer Kollegin an unserem Tisch echauffiert hat. Das Shirt sagt „Ich steh auf der Seite der Indigenen Völker Brasiliens“.  Warum er gezwungen ist auf so ein T-Shirt beim Essen zu blicken zu müssen, regt er sich auf.

Dass ich ihn nicht verstanden habe, liegt daran, dass sich die Szene einem Restaurant in Dourados, mitten im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul abspielt, und ich kein portugiesisch spreche. Ich bin hier sozusagen sowas von Ausländer, dass es ärger nicht geht. Ich kenne weder die hier gebräuchlichen Sprachen (portugiesisch und Guarani) noch Gebräuche. Trotzdem sind alle freundlich zu mir und sie bleiben es auch wenn ich mit meinem Kindergarten-Spanisch (dass das nicht weder die offizielle Landessprache, noch die Sprache der Indigenen ist, bin ich mir durchaus bewusst, aber zu mehr reicht es halt nicht) mich zum fünften Mal versuche verständlich zu machen.

Schnitt und Themenwechsel. Eine andere Kollegin plaudert nach Schulschluss mit indigenen Jugendlichen. Die Girls wollen ein gemeinsames Foto und erklären ihr sie wären so gerne „weiß wie wir“. Dann würde man sie in der Stadt nicht so komisch anschauen – und sie kämen ohne Probleme in jedes Eisgeschäft, in jedes Kino.

Ich bin auf der Straße weder elegant gekleidet noch trage ich teure Markenware. Es weist also nichts darauf hin, dass ich ein wohlhabender Mann bin. Dennoch die oben erwähnte Freundlichkeit. Das liegt schlicht und einfach an der Hautfarbe und man nennt die Verhaltensweise „Rassismus“. Und nur um darauf hinzuweisen: Wir schreiben das Jahr 2015….die Kolonialzeit ist längst vorbei, oder?

christian.herret@dka.at, derzeit auf Pressereise für die Sternsingerdoku im ORF am 1.1.2016, 17.05 in ORF 2 in Mato Grosso do Sul/Brasilien

Komplexe Kleeblätter für Nachhaltigkeit?

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Die Transformation unserer Welt?
Der Titel der gestrigen, gut besuchten Veranstaltung sollte Programm sein. Schließlich steht die neue globale Nachhaltigkeits- und Entwicklungsagenda der Vereinten Nationen unter diesem Slogan. Mehrere Organisationen luden am 29. Oktober zur Diskussion. Mit mir am Podium waren Ulrike Lunacek (Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments), Petra Bayer (SPÖ Parlamentsklub) und Stephan Klingebiel (Deutsches Institut für Entwicklung).

Herr Klingebiel wies in seinem Eingangsstatement auf die großen Herausforderungen der Agenda hin. Eine Graphik des Overseas Development Institute verdeutlicht, dass die Welt in mehrfacher Hinsicht ein Umdenken und Revolutionen benötigt. Für mehr als die Hälfte der Ziele der Agenda 2030 müssen sich Regierungen andere Rezepte einfallen lassen. Transformation eben.

Wie gehen wir das an?
Die Europäische Kommission bereitet zwei Erlässe vor. Einen für die Wirkung der Agenda nach „innen“, also für die EU, und einen für die Wirkung nach „außen“, also für die Außenpolitik. Darüber hinaus ist noch nicht viel klar.

In der österreichischen Politik scheint die Debatte auch erst in den Kinderschuhen zu sein. Petra Bayer erwähnt eine „Kleeblatt-Konstellation“: das Bundeskanzleramt, das Außenministerium, das Lebensministerium und das Sozialministerium besprechen gerade die Umsetzung. Konkrete Pläne für Dialoge mit uns allen in Österreich lebenden Menschen, wie zum Beispiel in Deutschland, gibt es noch keine.

In die Diskussion bringe ich folgende Punkte ein:

  • Erstens, wer auch immer mit der Umsetzung betraut wird – es benötigt eine klare Leitungszuständigkeit.
  • Zweitens, was auch immer gemacht wird, wir benötigen eine Modus der Überprüfung – leider wurde dies gestern zu wenig diskutiert.
  • Drittens, ein reiner Bericht über alles was bisher „sowieso“ bereits geschieht ist mir zu wenig. Die Agenda verlangt nach mutigem Umdenken (s.o.). „business as usual“ wird zu weniger Freiheit für Menschen und unseren Planeten bedeuten. Ich hoffe hier auf Mut in den Ministerien und stehe für Diskussionen bereit.
  • Viertens, wir dürfen vor der Komplexität der Aufgabe nicht zurück schrecken. Die Verbindungen zwischen den Zielen dürfen nicht vergessen werden – die Staaten dürfen nicht anfangen sich einzelne, leichter erreichbare Ziele „herauszupicken“.

Haben wir uns eine globale Agenda geschaffen, die zentrale Zukunftsfragen benennt aber gleichzeitig zu komplex erscheint?
Nach großer Transformation hörten sich die Statements aus der Politik noch nicht an. Dass 192 Staatschefs und -innen die Agenda beschlossen haben ist zumindest ein Zeichen, dass die globalen Probleme, die uns alle betreffen, anerkannt werden. Wir, als zivilgesellschaftliche Organisation, müssen weiterhin Druck ausüben, dass hier etwas voran geht und möglichst viele Menschen für Fragen von Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit gewinnen.
Gespräche mit Bekannten nach der Veranstaltung sind Zeichen der Hoffnung: sie wollen parallel zu den globalen Konferenz eine lokale Konferenz nächstes Jahr organisieren. So können wir die Ideen weiter verbreiten. Ich freue mich darauf!

Jakob Wieser

Foto: Gerald Faschingeder/Freire Zentrum

Hat der Nachhaltigkeitsgipfel nachhaltige Folgen?

Sustainable Development Goals – Reduktion und Nachhaltigkeit

New York zwischen SDG und Papstmania

Wie habt ihr eure Angst verloren?

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Die Frage der Angst taucht immer wieder auf, wenn es um Geschlechtergerechtigkeit geht. Wie habt ihr eure Angst verloren, frage ich die Frau, die mit starken Gesten ihre Geschichte des Kampfs gegen die Ausgrenzung durch die Kastenhindus erzählt. Der einzige Zugang zur Hauptstraße soll der Dalitgemeinschaft („Unberührbare“, Kastenlose) von Hajipur genommen werden. Sie leben seit Jahrzehnten hier und ihre Wegerecht existiert seit ehedem. Die Kastenhindus versuchen, wie schon sehr oft erfolgreich umgesetzt, die Gruppe komplett auszugrenzen und ihnen den Durchgang durch ihre neue Ansiedlung zu verwehren. Die Frauen wissen sie haben Rechte. Um diese einzufordern scheuen sie auch nicht vor dem Gang zur Polizei zurück. Diese droht, ist die Polizei doch gewohnt Geld für ihre Dienste von den Angehörigen höherer Kasten zu erhalten. Sie fungieren als Wächter des alten Systems auch wenn sie dabei selbst Gesetze brechen. Bisher war es immer leicht Abhängigkeit Verhaftungen oder Schläge anzudrohen. Weibliche Polizisten werden kommen und sie schlagen. Die Frau strahlt: Wir weichen nicht. Sterben wir, dann wissen unsere Kinder, dass wir für ihre Zukunft gestorben sind.“ Woher kommt diese Furchtlosigkeit? Wir halten zusammen und haben erfahren, dass wir etwas verändern können. Früher haben uns unsere Ehemänner geschlagen, wenn wir zu den Frauentreffen gegangen sind. Sie haben aufgehört, wir sind unabhängig, denn wir haben gelernt uns und unsere Kinder zu versorgen. Die Fesseln der Abhängigkeit zu verlieren, die gegenseitige Aufmunterung und nichts zu haben was man verlieren könnte befreit. Ich sehe starke, entschiedene Frauen. So ganz andere Frauen als die, die in den westlichen Medien präsentiert werde: Indische Frauen als hilflose Opfer der patriarchalen Ordnung Indiens. Hier schauen sie mich mutig, lachend und siegessicher an. Frauen, die keine Privatsphäre haben, keinen Besitz und Tod und Elend kennen. Wie weit sind diese Frauen und wo stehe ich? Im Jetzt, im Hier und ohne Angst meistern sie die enormen Herausforderungen des täglichen Überlebens. Ich bin auf Projektreise in Indien und habe das Privileg von ihnen zu lernen.

Ein Brief aus dem Schwellenland von eva.wallensteiner@dka.at, Projektreferentin Indien

Hat der Nachhaltigkeitsgipfel nachhaltige Folgen?

Die beiden offiziellen NGO-VertreterInnen in der Österreichischen Delegation, Magdalena Kern von Licht für die Welt und Daniel Bacher von der Dreikönigsaktion
Die beiden offiziellen NGO-VertreterInnen in der Österreichischen Delegation, Magdalena Kern von Licht für die Welt und Daniel Bacher von der Dreikönigsaktion

Die UN feiert ihr 70 jähriges Bestehen, die 2030 Agenda für Nachhaltige Entwicklung wurde letzten Freitag angenommen und ein für die USA historischer Papstbesuch geht mit einer Messe mit hunderttausenden Besucher/innen heute am Sonntag den 27. September zu Ende. Dieser Tage fallen Worte wie historisch, groß oder transformativ sehr oft. Ob die globalen Nachhaltigkeitsziele wirklich ein großer Wurf sind, lässt sich wohl erst im Nachhinein beurteilen. Sie wurden jedenfalls feierlich angenommen – fertig verhandelt wurde die Agenda bereits vor Wochen.

Am Wochenende wurden sechs interaktive Dialoge zu Armut und Hunger, Ungleichheit und Empowerment von Frauen und Mädchen, nachhaltiger Konsum und Produktion, globale Partnerschaften, Klimawandel sowie rechenschaftspflichtige und inklusive Institutionen abgehalten. Das „Wie“ der Umsetzung stand dabei im Zentrum und die Staaten bemühten sich Konsens und die Stärken der SDGs in den Vordergrund zu stellen.

Ein neues Denken weg von Silos wie Wirtschaft, Soziales oder Ökologie; eine für alle Länder der Welt gültige Agenda; eine stärkere Verankerung ökologischer Ziele; Ungleichheit als eigenes Ziel; eine Einbeziehung der Wirtschaft als Innovationsmotor; ein Bekenntnis extreme Armut abzuschaffen; ein Ziel zu Frieden, Inklusion und Rechenschaft, … die Liste ließe sich ohne Schwierigkeiten verlängern. Umweltschutz wird jedenfalls nicht mehr als Herausforderung im Widerspruch zu Wirtschaftswachstum, sondern Nachhaltigkeit als neue Marktchance begriffen. Was sich durch die SDGs an nationalen Plänen und Nachhaltigkeitsstrategien nun wirklich verändert, war leider noch sehr schwammig. Ein nachhaltig vor jedem Plan macht noch keine wirksame Nachhaltigkeitsstrategie!

In einem Side Event mit der Zivilgesellschaft wurden allerdings erste „SDG Pioniere“ vorgestellt. Tansania, Kenia, Indonesien, Schweden und Kolumbien als Erfindernation der SDGs. Vor allem die Umsetzung von Kolumbien war ausgefeilt. Alle 17 Ziele und 169 Indikatoren wurden mit nationalen Plänen verknüpft, Dialoge geführt und neue Daten gesammelt. Selbst der Friedensprozess wurde mit Indikatoren abgebildet. Eine akademische Übung der nationalen Planungsbehörde oder doch ein Schritt zu ganzheitlicher Entwicklung?

Die Zivilgesellschaft begrüßte die Beispiele als erste Schritte hin zu einer Implementierung und forderten eine rasche Umsetzung, Kohärenz und Rechenschaft ein. Reden alleine genüge noch nicht, die Regierungen werden letztendlich daran gemessen werden, ob die SDGs nun wirklich zu mehr Inklusion, Transparenz, Gleichheit und Empowerment beitragen. Angesichts der vielen gegenwärtigen Krisen, Kriege, steigender Vermögensungleichheit und Menschenrechtsverletzungen blieb allerdings viel Skepsis bestehen.

Auch die Rede vom Papst am Freitag wurde von verschiedensten Sprecher/innen immer wieder als Referenz herangezogen und der Politik Misstrauen bei ihrer Motivation entgegengebracht. Franziskus betonte, dass die Würde der Menschen und ihre Rechte im Zentrum stehen müssen. Zudem müsse der Mensch einsehen, dass er die Erde nicht besitze und Verantwortung übernehmen muss. „he is not authorized to abuse it, much less to destroy it.“ Der Papst betonte sogar, dass die Umwelt Rechte habe und forderte eine Gemeinwohlorientierung ein. Kardinal Tagle aus den Philippinen brachte die Grenzen für Mensch und Erde ebenfalls illustrativ auf den Punkt: „The sky is the limit.“

Die moralische Dimension der Rede vom Papst wurde von vielen immer wieder herausgestrichen und insbesondere Inselstaaten wie Tuvalu, Trinidad und Tobago oder Barbados forderten Maßnahmen zur Einhaltung des 1,5 Grad Ziels. Die historische Schuld des Nordens wurde betont und die Notwendigkeit mehr für Klimaschutz und Finanzierung zu tun.

Die Klimakonferenz COP 21 in Paris wird letztendlich der erste Litmustest für die neue Agenda sein genauso wie die Ernsthaftigkeit bei der nationalen Umsetzung. Die Agenda könnte in den kommenden Monaten auch noch durch eine verengte Auswahl an Indikatoren (zur Messung) verfälscht werden. Bundespräsident Fischer sprach sich vor der UN jedenfalls für eine nationale, regionale und globale Umsetzung der SDGs aus und bekundete seine volle Unterstützung.

Mehr zum Österreichengagement in NY in Kürze…

daniel.bacher@dka.at

Komplexe Kleeblätter für Nachhaltigkeit?

New York zwischen SDG und Papstmania

Sustainable Development Goals – Reduktion und Nachhaltigkeit

New York zwischen SDG und Papstmania

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New York steht Kopf: Hier ist wahrlich Papstmania ausgebrochen. Bereits am Flughafen war Franziskus auf CNN zu sehen und mittlerweile hört man „the Pope is in Washington, the Pope is coming to NY, the Pope is at St Patrick’s Cathedral, the Pope is speaking tomorrow at the UN“…ja, the Pope is all around. Bei einem „interfaith prayer“ um die Ecke jubeln Angehörige aller Nationen im gemeinsamen Gebet über den Besuch von Franziskus.

Wir hatten heute auch einen Workshop zu den SDGs und die Ökoenzyklika Laudatio Si. Dabei wurde das SDG-Dokument als grundsätzlich solide mit vielen wichtigen Neuerungen gesehen. Beendigung von Hunger und Unterernährung, von extremer Armut und ähnliche Ziele seien im Gegensatz zu den alten MDGs sehr ambitioniert. Der zwischenstaatliche Prozess der Erarbeitung wurde positiv hervorgehoben. Die MDGs waren nicht einmal in der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet worden. Die nationale universelle Umsetzung wird als große Chance gesehen.

Zugleich enthält das Dokument einige Widersprüche, wie das Ziel 8 mit „promote sustained, inclusive and sustainable economic growth“ schon anklingen lässt. Ist dadurch die große sozial-ökologische Transformation möglich, die angesichts des fortschreitenden Klimawandels nötig ist? Die Ökoenzyklika findet hier jedenfalls viel deutlichere Worte: „Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil, da er unhaltbar ist, nur in Katastrophen enden kann, wie es bereits periodisch in verschiedenen Regionen geschieht“. Franziskus kritisiert auch ganz offen die Politik, die ihre nationalen Interessen statt das globale Gemeinwohl vertritt. Es ist mit Spannung zu erwarten, wie er sich morgen zum SDG Abkommen äußert und was er den Politiker/innen mit auf den Weg gibt.

Es wird in den kommenden Tagen weniger um den Inhalt der SDGs gehen, als um das Wie und mit Wem. Neben den SDGs werden bei dieser Generalversammlung  auch formell und informell eine Debatte zu Frieden und Sicherheit sowie Syrien im Zentrum stehen. Nicht zuletzt nimmt Putin nach 10 Jahren wieder an einer Generalversammlung teil und wird auf Obama treffen.

Und Österreichs Prioritäten: Bundespräsident Fischer wird am Sonntag früh vor der Generalversammlung sprechen und Bundesminister Kurz wird am Samstag an einem interaktiven High Level Dialog zu fostering sustainable economic growth teilnehmen. Schwerpunkte sind auch eine UNIDO Veranstaltung, Sustainable Energy for all, die Rolle von Jugendlichen bei den SDGs sowie vermutlich eine Teilnahme an dem private sector Forum des Global Compact. Die Schwerpunkte sind klar österreichischen thematischen Interessen zuzuordnen. Es bleibt zu hoffen, dass sich Bundespräsident Fischer auch im Hinblick auf eine nationale Umsetzung der SDGs äußert. Letztendlich würde ja die Implementierung der SDG Agenda im Fokus stehen oder es mit Laudatio si zu beenden, weil das an einem Tag wie heute wohl dazugehört: Wir brauchen eine Politik, deren Denken einen weiten Horizont umfasst und die einem neuen, ganzheitlichen Ansatz zum Durchbruch verhilft,….

Daniel Bacher; der Referent für Anwaltschaft der Dreikönigsaktion ist Teil der offiziellen österreichischen Delegation bim SDG-Gipfel in New York

Komplexe Kleeblätter für Nachhaltigkeit?

Hat der Nachhaltigkeitsgipfel nachhaltige Folgen?

Sustainable Development Goals – Reduktion und Nachhaltigkeit

 

Sustainable Development Goals – Reduktion und Nachhaltigkeit

SDGsWas sind wir bereit für eine nachhaltige und gerechte Zukunft zu tun? Was sind wir bereit zu aufzugeben, zu ändern – aber auch was gewinnen wir dadurch?

In wenigen Tagen werden sie also beschlossen. Die „Sustainable Development Goals„, globale Nachhaltigkeitsziele für alle Staaten der Welt, sollen bei der kommenden Generalversammlung der Vereinten Nationen abgesegnet werden. Dem ging ein langer Diskussionsprozess über die Inhalte und Sinn der Ziele voraus. Das Ergebnis ist ein Manifest von siebzehn Dimensionen menschlicher Entwicklung die für alle Menschen und unseren Planeten Friede und Wohlstand bringen sollen.

Die Zahl 17 klingt etwas unhandlich und dennoch halte ich es für richtig, dass die neue Entwicklungsagenda wichtige Themen aufgreift. Menschliche Entwicklung ist kein geradliniger Weg. Dass die Agenda Fragen des nachhaltigen Konsums und Ungleichheiten aufgreift, ist für mich zentral. Die Grenzen unseres Planeten, die wir mehr und mehr sprengen und dabei immer mehr Menschen an Hunger leiden, sind mein Bild und meine Auftrag dazu. Papst Franziskus‘ „Laudato Si“ gibt uns Rückenwind.

Wie verbindlich diese Ziele sein werden, darüber streiten wir noch und wird ein Gradmesser für den Wert der neuen Entwicklungsagenda. Aber es ist klar, dass wir damit alle Staaten in die Pflicht für eine gute, gerechte Zukunft nehmen. Unser Referent für Menschenrechte, Daniel Bacher, wird die österreichische Zivilgesellschaft als der Teil der offiziellen Delegation zur Generalversammlung vertreten. Wir sind auf seine Berichte aus New York gespannt.

Anfang September lud die Austrian Development Agency zu einer Diskussionsveranstaltung um der Frage nachzugehen, wie diese Ziele umzusetzen seien. Amina Mohammed, Beraterin des UN-Generalsekretärs in dieser Frage, wies daraufhin, dass die Sustainable Development Goals (SDGs) vielfach einen Paradigmenwechsel einleiten: Niemand kann sich der Verantwortung entziehen – alle müssen ihre Wirtschafts- und Kooperationsmodelle überdenken, wenn wir die Ideen der Ziele verwirklichen wollen.

Am Podium wurden Suleiman Jasir Al-Herbish, Direktor des OPEC Fund for International Development (OFID), Werner Kerschbaum, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes und Andrea Hagmann, Vorständin der Österreichischen Entwicklungsbank, befragt: Was ist Ihr Beitrag zu den SDGs?

Die Antworten klangen sehr nach business as usual: OFID engagiert sich wie bisher in den Bereichen Armutsreduzierung, Nahrungsmittelproduktion, Zugang zu Energie. Das Rote Kreuz hat weltweit tausende Freiwillige im Einsatz und stärkt Gemeinden im Krisenmanagement („resilience“). Die Entwicklungsbank wird weiterhin über Kredite für Arbeitsplätze sorgen. Alles gut und immens wichtig – ohne diese Dinge funktioniert es nicht.

Aber wo bleibt hier der Sinneswandel? Für uns stellt sich auch die Frage, was jede Organisation bereit ist beizutragen, um unseren Beitrag an der Verwirklichung der SDGs zu leisten?

Wir als Dreikönigsaktion, als Katholische Jungschar? Wir überarbeiten im Herbst unsere Energiekonzepte sowie Beschaffungsrichtlinien. Eine der großen Fragen ist jedoch wie wir mit Flugreisen umgehen, die mit zu den größten Ursachen unseres ökologischen Fußabdrucks zählen. Wir haben Partnerorganisationen in über 20 Länder im globalen Süden. Der persönliche Kontakt zu ihnen und auch – das sind wir unseren Spender/innen schuldig – die genaue Kontrolle wie unsere Spenden eingesetzt werden zählt zu unseren Kernaufgaben als Hilfswerk.

Wie können wir die notwendigen Reisen in unserer Projektländer CO2-neutral gestalten – vielleicht auch andere Kommunikationswege nutzen. Es wird eine schwierige Diskussion, bei der wir abwägen müssen wie viel wir im direkten Kontakt mit den Menschen sein wollen und müssen, die durch Sternsingerspenden unterstützt werden.

Wie Amina Mohammed meinte, werden die Sustainable Development Goals nicht am 1. Jänner 2016 umgesetzt – ebenso werden wir an mittelfristigen Plänen für unsere eigene Umweltbilanz arbeiten um die Qualität der Arbeit zu sichern und gleichzeitig einen noch stärkeren Beitrag zum Schutz unseres Planeten zu leisten.

Und ich bin gespannt darauf wie wir uns dadurch weiterentwickeln und die Dinge anders sehen werden. Ein „Verzicht“ kann auch zu Neuem führen.

Jakob Wieser

 

Komplexe Kleeblätter für Nachhaltigkeit?

Hat der Nachhaltigkeitsgipfel nachhaltige Folgen?

New York zwischen SDG und Papstmania