Amazonien in Dir

Der Weg zu einem „guten Leben“ besteht für die indigenen Gemeinschaften darin, im Einklang mit sich selbst, mit der Natur, mit den anderen Menschen und mit Gott zu leben.

Damit das Leben nicht auf der Strecke bleibt

Einfach da sein. Sich verbunden fühlen mit Wald, Luft, Wellen und Bergen. Teil eines Größeren sein, das mich übersteigt. Kein Verlangen spüren, Blumen zu pflücken, sondern sie weiter blühen lassen. Beim Anblick der Bäume nicht an Hausbau denken, sondern mich von ihnen faszinieren lassen. Staunend vor gewaltigen Bergen stehen. Schwimmen im See, eins sein mit dem Element. Da geht es nicht um Wasserkraft und Stromgewinnung. So denken wir vielleicht zwei Wochen im Jahr: im Urlaub.

Die Indigenen im Amazonas denken ihr ganzes Leben lang so. Wie auch anders: Sie sehen die uns umgebende Natur nicht in erster Linie als Ressource für Wachstum, sondern sie empfinden sich als Teil von ihr. Weil sie mit und nicht von ihr Leben. Völlig diametral zu unserer Denkweise. Genau deshalb können wir – müssen wir, wenn wir auf diesem Planeten überleben wollen, viel von dieser Spiritualität lernen.

Wir Menschen herrschen nicht über den Planeten, sondern sind Teil eines großen Ökosystems, für das wir Sorge tragen müssen. Der Weg zu einem „guten Leben“ besteht für die indigenen Gemeinschaften darin, im Einklang mit sich selbst, mit der Natur, mit den anderen Menschen und mit Gott zu leben.

In Österreich, in unserer geliebten westlichen Zivilisation leben wir meist in einer anderen Dynamik: Natur ist so etwas wie ein großer Supermarkt, steht uns zur Verfügung, wir Menschen sind Produzent/innen und Konsument/innen. Es ist nie genug. Über allem thront das Wachstum.

Welche Folgen das hat, kann man am Amazonasgebiet ablesen: Abholzung, Mega-Staudamm-Projekte, Bergbau, Vertreibung von Menschen, Agrobusiness … und brennende Amazonas-Wälder.

Im Oktober startet die Amazonas Synode in Rom. In dem Arbeitsdokument zur Vorbereitung heißt es: „Eine entscheidende Wurzel für die Sünde des Menschen besteht darin, sich selbst aus der Natur herauszunehmen, sich nicht als Teil von ihr zu verstehen, sie grenzenlos auszubeuten und so das ursprüngliche Bündnis mit der Schöpfung und mit Gott zu brechen“ Genau das passiert jetzt, am Amazonas, in unzähligen anderen Gebieten der Erde und bei uns hier. Das ist die „brutale Realität“, die derzeit in vielen Ländern rund um den Amazonas von Politik und Wirtschaft gefördert und durchgesetzt wird. Auf der Strecke bleiben: Menschen, Tiere, Pflanzen, Wasser, Luft.

Eine neue Lebensqualität, ein neues Denken ist gefragt. Auch in der Kirche. Es braucht einen Umkehrprozess, damit wir unsere schädlichen Verhaltensweisen „verlernen“ und von der Spiritualität der indigenen Völker wieder erlernen, in respektvoller Beziehung mit den anderen Geschöpfen zu leben.

Ein zentraler Punkt der Synode ist eine Kirche mit dem Antlitz Amazoniens. Das ist eine Kirche in der Vielfalt der Kulturen, eine Kirche der unzweideutigen Option für und mit den Armen und für die Sorge um die Schöpfung; eine Kirche, die die indigene Spiritualität als bereichernde Quelle der christlichen Erfahrung sieht. Aus all diesen Gründen ist die Synode auch für uns wichtig. Ein Funken „Amazonien“ täte uns gut. Nicht nur im Urlaub.

Sr. Anneliese Herzig – Anneliese.Herzig@dka.at

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