Leben in Fülle für alle: Standpunkt von P. Franz Helm

Eine Abkehr vom Raubtier-Kapitalismus, die Veränderung des Wirtschaftssystems und unseres Lebensstils sind dringend nötig, so P. Franz Helm in seinem Standpunkt – zugunsten eines gemeinsamen Wegs aller Geschöpfe, das Leben in Fülle für alle ermöglicht.

„Alles ist miteinander verbunden“ – diese Grundeinsicht betont Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato Si“. Kritische Stimmen meinen, damit hätte die Esoterik Einzug gehalten ins päpstliche Lehramt. Sie übersehen, dass es handfeste Beweise dafür gibt. Ein Blick auf das Amazonasbecken genügt. Organismen in den Baumkronen des Amazonasurwalds werden von Staubkörnern genährt, die aus der Sahara-Wüste stammen und von Winden Tausende Kilometer über den Atlantik getragen wurden. Aus dem Amazonasbecken steigt Feuchtigkeit auf in die Atmosphäre und versorgt andere Teile Südamerikas mit Regen. Die üppige Vegetation des Amazonasurwaldes absorbiert Kohlendioxid und produziert Sauerstoff, daher der Name „grüne Lunge des Planeten“. Und die jüngsten Waldbrände im Amazonasgebiet befeuern durch die Treibhausgase, die freigesetzt werden, die Erderwärmung und damit die Klimakrise auf unserem Planeten.

Die indigenen Völker Amazoniens haben über Jahrtausende ein profundes Bewusstsein der Verbundenheit von allem kultiviert und ihre Lebensformen dementsprechend gestaltet. Sie wissen, dass ein gutes Leben für alle nur möglich ist, wenn die Bedürfnisse aller – ob Menschen, Tiere oder Pflanzen – respektiert werden. Wo indigene Völker leben, sind Naturräume noch intakt. Jetzt sind mit der rücksichtslosen Ausbeutung und Zerstörung dieser Gebiete durch den Rohstoffhunger der Konsumgesellschaft auch diese Völker in ihrer Existenz bedroht. Die Agroindustrie rodet die Wälder, die Bergbauindustrie vergiftet das Wasser und Megakraftwerke zerstören die Flüsse. Wir brauchen so dringend eine Abkehr vom Raubtier-Kapitalismus, eine Veränderung unseres Wirtschaftssystems und unseres Lebensstils. Wir müssen, wie Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Welt-Schöpfungstag am 1. September 2019 betonte, von den indigenen Bevölkerungen einen besseren Umgang mit der Natur lernen.

Dem Lernen von den Indigenen und anderen Bevölkerungsgruppen in der Amazonasregion hat sich die Amazoniensynode verschrieben. Das Hinhören auf die Menschen und auf die bedrohte, geschundene Schöpfung und ihren Schrei soll zu einer tiefgreifenden Analyse der Situation und zu neuen Wegen für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie führen. „Synode“ bedeutet übersetzt „gemeinsamer Weg“. Die Grundeinsicht, dass alles miteinander verbunden ist, ermöglicht einen gemeinsamen Weg aller Geschöpfe, „damit sie Leben haben, und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10)

Der Oktober 2019 wurde von Papst Franziskus zum „Außerordentlichen Monat der Weltmission“ erklärt.  Anderen „Leben in Fülle“ zu bringen, sah Jesus als Ziel seiner Mission. Der ganze Mensch, alle Menschen, die ganze Welt sollen heil werden. Leib und Seele gehören zusammen. Schon der Jesuitenmissionar Antonio de Vieira, der im 17. Jahrhundert in Brasilien wirkte, wusste das. Am portugiesischen Hof sagte er zu Epiphanie 1662: „Man möchte, dass wir die Eingeborenen zum Glauben bringen und sie dann der Gier überlassen (…). Die Seele vom Leib trennen heißt töten und diese Sorge auseinander zu reißen heißt vernichten. Deshalb sind in kürzester Zeit auch so viele Gegenden zerstört und entvölkert worden.“ (zitiert nach Erwin Kräutler, Erneuerung jetzt. Tyrolia 2019) An der Amazoniensynode wird deutlich, worum es bei der christlichen Mission heute geht: Dass Menschen hinfinden zur Verbundenheit mit Gott, mit seiner ganzen Schöpfung, mit den Mitmenschen und besonders mit denen, die ausgegrenzt oder ausgebeutet werden. Denn alles ist miteinander verbunden!

Zur Person:
P. Franz Helm SVD ist Steyler Missionar. Von 1987 bis 1994 lebte er in Brasilien, wo er Missionswissenschaft studierte. Derzeit ist er Theologischer Referent der Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für internationale Entwicklung und Mission sowie Geistlicher Assistent der Katholischen Frauenbewegung Österreichs. 

Dieser Blogbeitrag ist auf der Seite der Diözese Innsbruck erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung übernommen.

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